Tabarz in meiner Kindheit und Jugend
Erinnerungen
Als ich Kind war, floss die Laucha noch mitten durch unser Grundstück. Die hohen Erlen am Ufer des dort immerhin rund drei Meter breiten Gebirgsbaches waren beeindruckend. Im Frühjahr, nach der Schneeschmelze in den Bergen, gab es regelmäßig Hochwasser. Nach jedem wurde der Bach breiter, denn gerade in den Biegungen riss er die Ufer immer weiter zur Böttchergasse hin ab. Aus diesem Grund wurde die Laucha vor etlichen Jahren verlegt und verläuft nun als langweiliges, kanalisiertes Wasser hinter den Gärten entlang. Abends schlief ich bei geöffnetem Fenster und dem Gemurmel des Baches wunderbar ein. Tagsüber bot er mir zahlreiche Spielmöglichkeiten. Ich konnte die Forellen mit der Hand fangen. Ich stieg ins Wasser und beobachtete, unter welche Steine sie schlüpften. Dann ging ich, die geschätzte Größe der Forelle beachtend, mit den Händen gaaaaanz langsam unter diesen Stein, fasste beim ersten glibberigen Berühren rasch und fest zu... zack, raus... in den Eimer damit. Mein Bruder und ich betrieben das Ganze als Sport und mit Freude, und Mutter war über ein abwechslungsreiches Abendessen erfreut. Manchmal sagte sie zu uns: "Wollen wir heute wieder Forellen essen...? Das war keine Frage, sondern ein Auftrag, also griffen wir zum Eimer und zogen los. Es gab sie ja buchstäblich "vor der Haustür".
Bei großer Sommerhitze benutzte ich den Bach als Badeanstalt. Eiskalt ist es gewesen, na und? Es war dafür meine ganz persönliche. Ich erinnere mich, dass mein Bruder und ich unbedingt barfuß in der Laucha bis zu einer der Quellen laufen wollten. Wir starteten an der Massemühle und haben es sogar geschafft. Nach einiger Zeit merkte man die Füße allerdings kaum noch vor Kälte.
Im Winter drohte die Laucha oftmals zuzufrieren. Das Eis war gefährlich, denn es hätte die Brücken in den Grundstücken zerstört. Oft stand mein Vater mit der Kreuzhacke am Eis und schlug es entzwei, für uns Kinder pures Abenteuer, für ihn Sorge und harter Knochenjob. Damals gab es noch Winter, und was für welche! Die Böttchergasse war für uns Fahrad-Übungsweg, Moped-Übungsstrecke, Rollschuh- und Eislaufbahn.
In der warmen Jahreszeit hörte ich an jedem Morgen den Tabarzer Hirten auf seiner Schalmei eine wunderschöne Melodie blasen. Die Bauern öffneten ihre Hoftore und die Kühe trotteten gemächlich in Richtung der Schalmeientöne. Eine jede Kuh hatte ihre eigene Glocke, und von diesen wiederum jede einen anderen Klang. Schon damals empfand ich diese Zeremonie als friedlich und beruhigend. Und so zog die nicht gerade kleine Herde auf die Wiesen und blieb bis zum Abend draussen. Von weitem hörte man auch tagsüber die leisen Glockentöne. Abends kamen sie wieder herunter in den Ort. Die Bauern öffneten erneut die Tore und jede Kuh wusste, wo sie sich von der Herde ablösen musste, um ihren Weg zu ihrem Stall zu finden. Freilich gab es dadurch Kuhdung auf den Strassen. Es war aber selbstverständlich, dass die Bauern sofort und regelmäßig die Strassen säuberten.All das gehörte zum Ort einfach dazu.
Als die Urlauber zahlreicher wurden, verschwanden mit der Zeit auch die Kühe und diese schöne Tradition. Ein Bauer nach dem anderen gab die Landwirtschaft auf.
Unsere Spielplätze? Die waren überall. Der ganze Ort, die Wälder, die Parks, die Schulen. Wir hatten zwei - in Tabarz und in Cabarz. Später hieß für mich sechs Jahre lang und sechs Tage in der Woche vermittels Thüringer Waldbahn nach Schnepfenthal fahren. Ich kenne eben noch die Zeiten, als man am Samstag ebenfalls zur Schule gehen musste. Und immer "mussten" wir auch an der Milchbar vorbei... ;)
(click on it)
Wir haben im Herbst und Frühling auf den überfluteten Wiesen gespielt, dem Skispringen an der damaligen Aschenbergschanze zugesehen, es selbst auf "Eigenbau - Schanzen" probiert, Schneehöhlen in den Schneewehen gegraben, Pilze gesammelt und Dämme gebaut, heimlich im Kurpark geraucht, Ratten unter der alten "Post" an der Laucha gejagt, sind ins Kino (gleich neben dem Kuhstall, man roch es) gegangen oder im Sommer ins Freilichtkino Winkelhof. Wir haben Erdbeermilch beim Milchmann in der Zimmerbergstrasse getrunken und Unmassen an Eis in der Milchbar verputzt. Es war eine gute Zeit. Es war eine Zeit, wo man fast ständig draußen unterwegs gewesen ist.
Die Ferien verbrachte ich bei den Großeltern, nicht weit entfernt auf dem Dorf, später kamen Schulausflüge und Klassenreisen hinzu. Natürlich wurde im Winter auch feste Ski gefahren. Das gehörte sogar zum obligatorischen Schulsport hinzu. Im Sommer besetzten wir als Jugendliche die Freibäder von Tabarz und Friedrichroda, gingen zum Tanzen ins Parkhotel, dem Deutschen Hof und in den Nachbarort. Treffpunkt war stets der Spindlerplatz, der nie einen anderen Namen bekam, selbst als er offiziell "Ernst-Thälmann-Platz" hieß. Wir saßen oder standen vor allem bei der Mauer am Eiscafé, genannt wurde der Platz von uns Jugendlichen "der Kanal". Ebenfalls eine beliebte Sommerbeschäftigung war Tennispielen im Lauchagrund.
Zu DDR-Zeiten murrten die Einwohner, als mit der steigenden Zahl der Urlauber der Engpass in der Versorgung eben noch enger wurde. Die Gäste hatten ausreichend Muße sich bei Obstlieferungen anzustellen, so blieb dem "werktätigen Einwohner" nur der Blick in die leeren Kisten am Feierabend. Als Lösung des Problems gab es letztendlich Schalterverkauf, gemeint eine Verkaufsgelegenheit für Gäste und eine gesonderte für die Einwohner. Daraufhin murrten die Urlauber, wenn sie mal wieder warten mussten, weil gerade einer der Einwohner an seinen "Schalter" trat. Man kann es eben nie allen recht machen...
Diese Probleme gab es in den zahlreichen Ferieneinrichtungen für Zoll- und Staatssicherheitsbedienstete sicherlich nicht, sie hatten Extra-Versorgung. Und Mielke mit seinen Jagdgästen lebte auch in Tabarz garantiert wie ein Fürst in seinen großen Jagdhäusern am Wald im Lauchagrund. Heute haben wir zwar keine Fürsten, dafür Prinzen und Prinzessinnen......
Zitat
Die Weisheit führt uns zur Kindheit zurück.
Blaise Pascal
Gleichwohl besaß Tabarz stets eine besondere Ruhe. Keine Grabesstille, sondern eine ganz gewisse Friedfertigkeit, die auch heute noch über dem Ort liegt und nicht zu beschreiben ist. Lebendigkeit, Geschäftigkeit und trotzdem diese wohltuende Ruhe. Es ist genau die Atmosphäre, die man zum Erholen braucht. Ich habe an einigen Plätzen Thüringens gelebt, in reizvollen Landschaften mit gepriesenem Erholungseffekt. Nichts kam an Tabarz heran. Entweder es war "klein und landwirtschaftlich", bieder, beinahe primitiv mit wenig Kultur, oder schon wieder zu laut und nachgeahmt. Tabarz scheint wie unter einer Glocke zu liegen.
Eng und weit, klein und groß, alt und neu, betriebsam und still. Gegensätzliche Attribute - und alles auf einem Raum. Man ist immer im Grünen, auch zwischen den Häusern. In Tabarz vernimmt man zwar mittlwerweile ebenfalls das Brummen der Autos, Stimmen, Musik oder die unentbehrlichen Rasenmäher... doch eben auch Vogelgezwitscher und das Rauschen der Bäume im Wind. De Stimmen der Natur scheinen die Geräusche der Zivilisation regelrecht zu schlucken.
Als ich endlich wieder nach Hause gefunden hatte, begann ich mich somit auch endlich wieder zu erholen.....
Manchmal allerdings frage ich mich, was aus den Kindern geworden ist, die im Kinderheim am Zimmerberg wohnten und stets Spielgefährten waren. Wer weiß...?
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