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07 | Mehr über den Film

Mehr zum Film über "Die vergessenen Dörfer" Bessarabiens

Die Bessarabiendeutschen kommen in Dokumentationen über Vertreibung und Flucht so gut wie nie vor. Selbst heute weiß nur sehr selten jemand etwas mit dem Namen Bessarabien anzufangen und wenn doch, dann ist „der Süden“ gemeint. Also die wirklich vielen, z.T. schon recht großen Siedlungen, die sogar Handwerk und Industrie besaßen, deren Bewohner in Teilen ganz anders lebten als jene, die im Norden Bessarabiens beheimatet waren.

Genau das wollte ich mit diesem Film ändern.


Der Film über die „vergessenen Dörfer“ des Nordens von Bessarabien war schon seit Jahren geplant. 2003 der erste Anlauf, aus diesem Grund meinen Vater vor die Kamera gesetzt und gebeten, seine Geschichte zu erzählen. Die über ihr Leben in Neu-Strymba und die Zeit danach. Eigene Schicksalsschläge hatten diesen Plan dann leider nach hinten gerückt.

Nachforschungen über die Familiengeschichte führten Jahre später zum Kontakt mit Olaf Hollinger, Mitredakteur des vorliegenden Videofilms. Er half mir beim Aufspüren der „familiären Vergangenheit“ und verschaffte mir eine Unmenge an Informationen bezgl. Historie und Zusammenhängen. An ihn geht nochmals ein herzlicher Dank. Wer sich mehr über Scholtoi und die bessarabische Geschichte informieren möchte, dem empfehle ich den Besuch seiner Webseite.


Als mein Vater 2012 im Alter von 87 Jahren gestorben war, brachte ich es länger nicht übers Herz, die Aufnahmen aus dem Jahr 2003 anzuschauen. Doch dann war es so weit. Ich traute mich – und war überrascht, wie angenehm es gewesen ist, ihn nun auf diese Weise nahe zu haben.

Was folgte, waren intensive Recherchen, immer im Austausch und unter Mitwirkung von Olaf Hollinger, denn es galt, den historischen Hintergrund exakt zu beleuchten.


Ein großes Problem waren die Finanzen. Es musste ein very-low-budget Projekt werden. Und ich hatte das Glück, Menschen zu finden, die mir ihr eigenes Material kostenlos zur Verfügung stellten. Hinsichtlich des historischen musste ich bei den Commons bleiben, freigegebenem Lehrmaterial u.ä.m., denn alles andere hätte Unsummen verschlungen und es wäre nie zu diesem Film gekommen. Urheber- und Lizenzrechte sind ja so verschlungen und kompliziert gehalten, dass sich selbst Fachleute darüber streiten.


Ein non-profit Film. Einer, der nur zur Information dient, denn was für einen Schatz ich mit den Zeitzeugen-Aufnahmen meines Vaters besitze, das ist mir später häufiger klar geworden. Es leben nur noch Einzelne derjenigen, sind bereits fast oder über 90 Jahre alt, die diese Ereignisse miterlebt haben, sich obendrein damals in einem bewusst wahrnehmenden Alter befunden haben. Was nutzen Erinnerungen von - zum Zeitpunkt der Ereignisse - Drei- oder Fünfjährigen? Mein Vater war Fünfzehn, als sie "umgesiedelt" wurden, obendrein besaß er schon immer ein erstaunlich detailgetreues, hervorragendes Erinnerungsvermögen.


Die Arbeit an diesem Film hat mir Freude gemacht, denn sie hat mein Wissen immens vergrößert und hat mich verändert. Nicht nur bezügl. der Sicht auf meine eigene Familie bzw. Vorfahren, denn plötzlich konnte ich gar manches verstehen. Zum Beispiel, warum sie immer etwas „anders“ gewesen sind. Anders nicht nur in Bereichen ihrer Lebensführung, sondern vor allem in ihren Werten, die sie lebten, vertraten und natürlich auch an uns Kinder in der Erziehung weitergaben.

Der Film hat mir auch in Folge viele neue Bekanntschaften, Kontakte und sogar Freundschaften beschert, über die ich sehr glücklich bin.


Es gab aber noch anderes, was mich zutiefst beschäftigte:

 

 

Gehen oder Bleiben?

Weil das Wichtigste überhaupt die eigene Herkunft ist. Nur in Vergangenem kann man erkennen und damit auch für die Zukunft lernen.

 

Ich habe mich häufig gefragt, warum meine Vorfahren immer wieder ihr Land verließen und das ja nicht einmal, sondern mehrfach. Überall die Fremden, bei Null beginnen, bekämpft und verjagt werden. Sinnlos. Es wurde nie besser, es wurde nur anders.

Ein Zweig meiner väterlichen Seite, die der BURON, waren im 17. Jahrhundert aus Frankreich geflohen, weil es den Hugenotten aufgrund ihres Glaubens ans Leben ging. Sie landeten im Brandenburgischen und Pommern.

Hernach waren sie von dort über Polen (Posen) weitergewandert nach Podolien (Ukraine). Von Krasnodole sind sie über Nacht nach Sibirien verbannt worden. Rückkehrend siedelten sie sich, weil damals zu Rumänien gehörend, im Norden Bessarabiens an. 20 Jahre später wurde Bessarabien russisch. Der rumänische König überließ Bessarabien kampflos Stalin.

Die FLECK waren römisch-katholisch, mein Urgroßvater Fleck, wie sein Bruder auch, konvertierte in Bessarabien zum Protestantismus. Nach langen Jahren vergeblichen Forschens in Kirchenbüchern Galiziens, fand ich diesen Zweig endlich, aber nicht in Galizien, sondern in der Batschka. Auch da hatte es nämlich ein Sambor, der Geburtsort des Ururgroßvaters. Im österreichisch-ungarischen Banat gab es Fundstellen, die wiederum auf frühere Aufenthalte im Burgenland (Pingafö) verwiesen. Aber da bin ich noch am Forschen.

Der Film enthält somit sogar einen Fehler, denn er ging bei der Familie meiner Großmutter noch vom galizischen Sambor aus.

Von Nordbessarabien führte ihr Weg („Heim ins Reich“) am 2. Oktober 1940 zwangsweise nach Österreich ins so genannte Umsiedlungslager. Wieder dauerte es zwei Jahre, um sich  nun (Zamosz, Lubliner Gebiet) zwangsweise beinahe in der Nähe ihrer früheren Heimat wiederzufinden

Anfang 1945 mussten sie aus Polen fliehen. Nach dem Kriegsende siedelten sie sich endgültig im westlichen Thüringen an.

Ihre Geschichte ist somit die einer einzigen Wanderung und ständigen Neubeginns.

Gehen oder Bleiben?

Minderheiten sind Prügelknaben. Irgendwer sagt immer „du gehörst nicht hierher, du bist schuld“, wenn es ihm im Augenblick nutzt.


Für mich ist Heimat dort und das, wo und was meine Vorfahren geschaffen haben, weil es die Grundlage fürs Eigene ist. Wo man nicht als Fremder, nicht als „Dieb“ oder „Feind“ betrachtet wird und ganz wichtig: auch nicht auf längere Sicht.

 

In Zeiten der Pandemie noch ein ein völlig anderer Zusatzext.

Ich schalte momentan aus was nur geht. Zu viele Gedanken, Sorgen, Empfindungen. Zu groß ist diese Ungewissheit.

Haben das nicht auch unsere Eltern gemacht, damals im Krieg? Werden wir dann wie sie, wenn es wirklich mal vorbei sein sollte? Der nächste Gedanke in der Hinsicht ist ja ebenfalls: „...und es überlebt oder einigermaßen gesund überstanden haben“.
Viele Parallelen. Nur dass bei uns die Häuser noch stehen. Dass wir sogar Handys besitzen, genug zu Essen und Internet - noch, schon wieder das Ungewisse.

Auch sie wussten damals nicht, was sie erwartet. Vor allem Vater und seine Familie nicht.
Diese Generation ist nun in ihrer Mehrzahl gegangen und es ist beinahe so, als wollten sie uns jetzt sagen: „Seht ihr, so war es. Ein bisschen, denn ganz… Vielleicht versteht ihr uns dann und das ist noch lange nicht das, was noch war.“
Mutter hatte es leichter. Landwirte, Dorf und immer in Deutschland. Ihr Vater nicht mehr im Krieg, zu alt, aber der Verlobte – und gefallen. So viele an anderen Bekannten. Fliegerangriffe, relativ wenig, einige Tote, natürlich, als nach den Amerikanern die Russen kamen im Wald versteckt… Und dennoch – im Verhältnis zu Vater das reinste Kinderspiel.
Er hatte sieben Jahre kein Zuhause. Nie wissen, was als Nächstes kommt und wo. Bewaffnete Kämpfe, zu viele Tote, ständige Lebensangst. Als junger Jugendlicher allein auf sich gestellt durch die Front. Immer wieder fliehen, erneut woanders, schon wieder fremd, Tiefflieger zu Hauf und zum Schluss auch noch Soldat.


Überlebt, schlicht überlebt. Mit nichts in der Hand, aber gesund und in einer ganz neuen Heimat bei Null.
Wertschätzung. Andere Wichtung. Einige Dinge viel bedeutsamer als für uns danach Geborene, andere wieder nebensächlicher. Ein geringes Verständnis untereinander, zwischen Jung und Alt. Nicht jetzt genauso?
Das Leben als Wiederholung.
Und so wissen nun andere Völker, auf welche Weise ein Land zu einem „Leader“ kommt, der einfach nur indiskutabel oder „krank“ ist, Unglück bringt, obwohl viele ihn nicht mal als den wollten. Und auch, wie schwer es ist, den wieder loszuwerden, weil es genug hat, die von genau dem schlicht profitieren.


Das Leben, eine Endlosschleife von immer und immer dem Gleichen.
Auch davon, etliche Mitmenschen für klüger zu halten als sie sind. Ein folgenreicher Fehler. Man setzt auf Einsicht, wo keine vorherrschen kann. Weil keine Zusammenhänge gebildet werden können, schlicht nicht in der Lage, zu schlussfolgern auch nicht. Information nicht erfolgt, aus der Annahme, bereits alles zu wissen, und falls doch, nicht verstanden wird, was damit gemeint ist. Mangelnde Intelligenz. Sie können nichts dafür, aber es ist so.

Wie werden die Menschen sein, wenn alles vorbei ist? Sie ziehen sich immer mehr in sich selbst zurück. Oder ein Rückzug aufs Wesentlichste?
Die Generation des Krieges, meiner Eltern, fand es wichtiger, dass kein Krieg herrschte, man eine Heimat besaß, keine materielle Not, ein Dach über dem Kopf und einen, der am gleichen Strang zog. Der Rest war Luxus und zum Überleben nicht nötig.
Es hat Schaden verursacht – bei ihren Kindern, psychisch, und folglich auch in der Generation danach. Und schon ist wieder was da. Fast wie ein Stopp, um sich auf genau das als eigentlich notwendig zu konzentrieren. Das Überleben und nicht das oft wirklich unnötige Drumherum, obendrein von genau dem auch noch immer mehr.
Was ist wichtig?


Eine friedfertige Stimmung, Menschen frei von Macht, Gier und Größenwahn. Zu versuchen, das Wieso zu verstehen, ohne es zu tolerieren, falls es schadet. Achtsamkeit. Wahrzunehmen, was es um einen hat, nicht nur sich selber im Auge zu haben. So viel ist es gar nicht und doch, keine Generation hat es bisher geschafft.












Hildruth Sommer
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