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02 | Nachdenken

Wo fängt es an, wo hört es auf?

 

Die Kluft zwischen Ost und West. Nun wird sie endlich nicht mehr unter den Teppich gekehrt und das „wir sind ein Volk“-Geschrei hat endlich ein Ende. Weil es nicht so war. Meine Großeltern väterlicherseits und mein Vater waren auch nie „Deutsche“. Sie haben bzw. hatten nämlich eine Vergangenheit, die sich von „anderen Vergangenheiten“ gravierend unterschied. Und Vergangenheiten leben auch in der Zukunft.
Die „anderen Vergangenheiten“ – das sind jene, wie sie mehrheitlich existierten. Das sind die Vergangenheiten jener, die in dem Moment dann auch „das Sagen haben“. Und das betrifft nicht nur Deutschland.
Das Gesetz der Masse.
Normal ist, was der Mehrheit entspricht. Allein von der Zahl her werden die Ostdeutschen immer anders oder "die anderen" sein, nämlich die Minderheit. Es gab auch keine Wiedervereinigung, der Osten wurde lediglich „kampflos übergeben“ und ihm „vom Sieger“ das aufgedrückt, was im Westen üblich war. Das Ganze hätte vielleicht noch 1947 funktioniert, aber nicht, als über 40 Jahre seit Kriegsende verflossen waren. Das hatten alle Deutschen gleichermaßen, aber nicht das, was danach kam. Diese Aufteilung in Zonen durch die Siegermächte selbst war der Grund, dass es ein einheitliches „Deutsch“ nicht mehr geben wird. Weil Vergangenheit prägt und zwar für immer. Sie hat Einfluss auf alles was kommt. War damals von denen ja auch so gewollt.

Nach der Wende passierte die nächste Teilung. Da wurde nichts vom Osten übernommen, weil es ja auch gar nicht ging. Auf der einen Seite gab es das sozialistische System, auf der anderen das kapitalistische, zwei wirkliche Gegensätze in der Wirtschaftsführung, dem Machtgefüge, aber daher auch Lebensnormen und -formen. Das erste war tot, gestorben, „besiegt“, plattgemacht, selbst in den kleinsten Details.
Das im Osten davor war eine Diktatur, mit etlichen miesen Erscheinungen für „das Volk“, was Diktaturen immer zu eigen ist, unbenommen, das andere aber auch, nur eben eine andere, die des Geldes mit wieder anderen Erscheinungen „fürs Volk“. Die, die heute noch krasser geworden sind als sie damals schon waren. Arbeitslosigkeit, die es im Osten nicht gab, abgehängte Familien und Alleinerziehende, Nachteile für Frauen, was es ebenfalls nicht gab, enorme Scheren zwischen arm und reich und auch das im Osten nicht üblich gewesen. Und versucht doch mal, diese Diktatur des Geldes „aufzulösen“ und ihr werdet erfahren, dass das nicht mal friedlich verläuft. Man kann darüber reden oder so schreiben wie ich gerade, man kommt nicht dafür gleich hinter Gitter, man kann sogar neue Parteien gründen, braucht nicht wählen zu gehen usw., es passiert nichts so Schlimmes, wie damals in der DDR mit dem Einzelnen. Weil es vernetzter ist, mehr Macht hat als diese paar alternden Bonzen in Wandlitz. Was juckt es die Eiche... sie besitzen „die Weltmacht“. „Also lasst sie, es tut uns nichts, wir sitzen im Sattel.“

Die Wandlitz-Bonzen mussten da schon mehr Angst um ihre Macht, ihre Vorteile und ihren Hintern haben, genau wie die in der Tschechoslowakei und Polen. Der „große Bruder“ war weit weg und hatte mit sich selbst zu tun. „Der Osten“ - das war eine Insel. Und irgendwann sagte der Russe: „Macht doch, was ihr wollt, Aufteilung beendet“. Übrig blieb jemand, den er ausgenommen hatte, wirtschaftlich völlig plattgemacht, und so nie wieder auf die Beine kam. So, wie meine Vorfahren in ständig hin und her gezerrten Landstrichen irgendwo am Ende der Welt. Sie waren keine Deutschen wie die Deutschen, unter denen sie dann lebten, weil sie ohne was kamen und bei Null begannen. Weil sie eine andere Vergangenheit hatten. Sogar anders waren, eine andere Vergangenheit und Zukunft besaßen, als die paar Landsleute, die im Westen siedelten, denn die erhielten „Lastenausgleich“, sie nicht. Sie durften nicht mal über ihre Vergangenheit reden.
Sie haben's geschafft. Mit unbändigem Fleiß und enormem Verzicht. Aber so wie alle waren sie deswegen nie. Weil die Zukunft immer auf der Vergangenheit aufbaut.


Was sie unterschied, war genau das. Verzichten können, wissen was echte Armut bedeutet und daher zu noch mehr Rackern und weniger Schönem in der Lage, als die meisten ihrer Umgebung. Eine größere Zufriedenheit mit dem dadurch Erreichten, eine tiefere Dankbarkeit für jedwede Unterstützung oder günstige Bedingungen. Weniger Fordern, sondern eher ein Selbermachen. Eine größere Distanz zu „den übrigen“, sich nie vereinnahmen lassen und schon gar nicht fremdbestimmen. Die Unabhängigkeit stand ganz obendrüber.
Was ist „der Ostdeutsche“? Ich kann darüber nicht schreiben, weil ich eher der Charakter meiner Vorfahren bin, immer war, die somit auch nie „typisch ostdeutsch“ gewesen sind. Ich empfinde sie, die Ostdeutschen, aber insgesamt als echter, weniger aufgesetzt, weniger anspruchsvoll, selbständiger und kreativer als den „Westdeutschen“. In gewissem Sinne ebenfalls unabhängiger, identischer, stolzer. Nur nicht genug. Dazu später.
Selbst unter den Bessarabiern, dem (letzten) Land meiner Vorfahren, wo sie mal für länger lebten, gab es gravierende Unterschiede, diesmal in Nord und Süd unterteilt. Die im Norden waren beinahe ständig auf Achse gewesen, hatten permanent bei Null begonnen, beginnen müssen, waren um vieles ärmer, obwohl nicht weniger fleißig als ihre „Landsleute“im Süden, rein von der Abstammung Jahrhunderte zuvor betrachtet.


Wenn Armut nicht verhärtet und verbittert, macht sie den Menschen „menschlicher“. Zugänglicher, toleranter, mitfühlender, wärmer, aber auch „härter im Nehmen“, so meine Beobachtung. Sie haben viel Wir-Gefühl. Je reicher, desto Ich-betonter und... nun ja, eben das Gegenteil. Unter den jetzigen Ostdeutschen sind viele verbittert. Sie sind nur noch „dagegen“, anstatt sich auf ihre Stärke zu besinnen, das, was sie von „den anderen“ unterscheidet. Weil sie sich als Teil derer betrachten, sind sie aber nicht. Sie sind was besonderes Anderes.
Ich finde, ihnen mangelt es, trotz allem vorhandenen, an Stolz auf ihre Vergangenheit, die eben eine ganz andere war. Sie hatten es nicht so einfach und trotzdem... Was haben sie alles geschafft. Das erhobene Haupt. Sich freiwillig „eingliedern und besetzen“ lassen haben nur wenige. Auch wieder die, die damals das Sagen hatten. Und was ist mit der Masse? Dem eigentlichen „Volk“... der Ostdeutschen? Statt sich immer mehr zu untergliedern, zu zerteilen, sollten sie ihr Gemeinsames finden und sich... wiedervereinigen. Das Bündel Stroh ist stark, nicht der einzelne Halm.
Die Ostdeutschen sind Deutsche, gehören zur Bundesrepublik, jetzt, wieder. Aber sie sind nicht wie die Westdeutschen. Und auch, wenn „ihre Gebiete“ wirtschaftlich nicht so stark sind, weil bewusst abgehängt worden (!), so haben sie doch einiges zu bieten, was besser ist, und was, steht hier schon drin.
Manchen Westdeutschen würde ich gerne sagen: „He ihr Triefnasen, wenn es euch so ergangen wäre wie uns, hätten viele von euch kein Bein vors andere bekommen, wir aber. Ihr wäret nicht alle da, wo ihr gelandet seid. Diese Fähigkeiten könnt ihr euch von uns abschauen, anstatt auf uns herunter.“
Denn das ist immer noch. Und das ist, was trennt. Der Hochmut des Westens und zum Teil jedes einzelnen Bürgers. Nicht der Osten und die Wiedervereinigung, der Solidaritätszuschlag oder wirtschaftlich schwache Osten sind „daran schuld“, sondern genau der. Ihr selber. Eure ureigene Arroganz, als Ostdeutschland zu euch kam. Als die ersten Trabbies über die Grenze stänkerten. Schon da habt ihr die Nase gerümpft, aber nicht über den Geruch, sondern „die Armen“. Das waren wir nicht, sondern Menschen, die aus Nichts einiges gemacht haben. Da waren Frauen tatsächlich gleichberechtigt, anders als bei euch. Unsere Frauen fühlten sich nach der „Einheit“ um hundert Jahre zurückversetzt. Da waren Kinder allgemein ein wertvolles Gut und nicht Mittel zum meist eigenen Zweck. Da gab es noch nicht die zerstörende, unheilvolle, sich verselbständigende und alles lähmende Bürokratie. Da war Familie noch das Wichtigste, wurde der Alte noch geachtet. Da half man sich sogar noch gegenseitig und war nicht „nur für sich“. Wir haben noch selbst denken müssen und es auch getan. Und wir haben genauso geschuftet, also weshalb „weniger Rente“? Warum war unseres weniger wert und ist es immer noch? Nach euren Maßstäben vielleicht, aber nicht nach unseren. Und wer sagt, dass eure richtiger und besser sind? Was haben die denn hervorgebracht? Bei uns gab es keine hungernden Kinder, nicht eins. Auch keine Obdachlosen. Nicht mal Arbeitslosigkeit oder nur sehr eng begrenzte, kurzzeitige. Arbeit zu haben war ein Grundrecht und nicht mal nur irgendeine. Ich hatte das Recht, in meinem erlernten Beruf eingesetzt zu werden, wenn ich das wollte. Und, natürlich, nicht gegen „den Staat“ auftrat. Blüten hatte es da genug geschoben, waren ja auch Idioten an der Macht, miese Charaktere, die blanke Dummheit, sprich in der Regierung. Und was ist heute?
Ihr kommt noch dahin, wo wir schon mal waren, aber wir haben es gepackt, ihr auch? Unsere Leistung müsst ihr erstmal bringen und nicht wir eure.


Das ist Selbstwert. Das, was etlichen im Osten heute leider noch zu sehr abgeht. Damit zwar „anzuecken“, aber trotzdem dabei zu bleiben. Weil's wertvoll ist. Und nicht etwas Drittes zu versuchen, noch mehr zurückzugehen, weil - das hatten wir schon und zu was das geführt hat... Ich meine ja auch Stolz und keine Überheblichkeit. Die hatten wir insgesamt schon einige Male.
Stolz auf das, was gut war. Nicht Duckmäusern vor dem Schlechteren, nur weil es die Macht hat.

Große Ansprache. Ziemlicher Pathos. In unserer Seminargruppe beim Studium haben wir den Dozenten mal mit einer einzigen Bemerkung aus dem Gleis gebracht: „Aber es sind doch alles nur Menschen und der ist unvollkommen. Sobald einer an der Macht ist...“ Da spielen narzisstische Seiten eine Rolle, Gier, Minderwertigkeitsgefühle, das Brutale im Menschen. Kriegt der so was wie ein vernünftiges Gefüge überhaupt zustande? Mehrere unter einem Dach und schon geht es los. Jeder hat so seins.
Der „bessere Mensch“, damals war es der sozialistische. Es gab immer Idealisten, die daran glaubten. Sie wurden von der Realität ad absurdum geführt. Weil keiner besser ist als der andere. Es sind alles „nur Menschen“ und der selbst äußerst unvollkommen. Und die, die vollkommener zu sein scheinen, es vielleicht sogar sind, bilden die Minderheit und werden so lange getriezt, bis sie sich in die letzte Ecke verziehen. So wie meine Eltern, die zwar auch Fehler machten, aber richtig gute Menschen waren.

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Hildruth Sommer
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