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02 | Nachdenken

... Müllers Esel, der bist du.

 

Eine merkwürdige Form eines Virus hat die Menschen infiziert, der bei ihm etwas hervorruft, was man kurz als einen Polsprung bezeichnen würde. Sie verdrehen die Tatsachen, aus Plus ist Minus geworden. Was einmal schlecht war ist heute gut. Es muss sich der rechtfertigen und sich selbst beschützen, der das, was lange als gut galt, einhält und verteidigt. Aus Tätern werden Opfer und aus Opfern „Täter“.
Eine verkehrte Welt.
Der Mensch, der sich an Regeln des Anstands, sprich menschlichen Zusammenlebens hält, wird massiv beschossen. Wird er verletzt, hat er sich nicht ausreichend verteidigt. Seine Schuld. Sowieso alles die Schuld dessen, der einen Schaden davonträgt.
Wer friedfertig ist und Hiebe bezog, hat nicht genug Grenzen gesetzt und ist nicht durchsetzungsfähig und/oder hat durch seine zurückgezogene Haltung den Täter zum Schlagen aufgefordert. Der Bestohlene hat geschlampt, weil nicht genug zu seinem Schutz getan, also sein Haus nicht zur Festung umgebaut. Die Vergewaltigte hat sich zu hübsch gemacht.
Das Wild ist selber schuld, wenn es erschossen wird, warum tritt es zum Äsen auf die Wiese.
Wie doof ist das denn?

Ergo bringt dieses Virus im Dachstübchen ganz schön was durcheinander. Es produziert Wahnvorstellungen, macht zumindest bekloppt. Vollmeise ist noch der treffendste Ausdruck.
Es kann jeden erwischen und hat sogar schon Richter und andere „Würdenträger“ geistig flachgelegt. Das Schlimme dabei: sie bemerken das Virus nicht. Der befallene Mensch fühlt sich klug, mächtig und unantastbar. Da es sich um eine reine Wahnvorstellung handelt, stimmt das natürlich nicht. Selbst- und Fremdwahrnehmung sind also verschoben, weil vordergründig die Vorstellungskraft schwindet.

Infolge dessen kennzeichnet die davon Befallenen – und es sind zwischenzeitlich derer beachtlich viele – die paranoide Vorstellung, sie besäßen nur Rechte. Übersetzt: alle anderen müssen, sie können, wenn sie denn wollen, und sie wollen nie.
Begleitet wird es von der Annahme, dass es ihnen wohl ergehen müsse und das zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit. Der Komfortanspruch ist immens erhöht. Und noch etwas ist auffällig: Sie wehren sich mit Händen und Füßen gegen eine Gesundung. Boshaftigkeit ist die Regel, wenn ihnen jemand klarzumachen versucht, dass das, was sie begleitet, nur Trugbilder sind.
Die Betroffenen leiden daher nicht unter dem Virus, aber ihr Umfeld tut es. Obendrein verspritzen sie nicht selten so eklige Sekrete wie Gift und Galle. Kennzeichnend für diese Ausscheidungen ist, dass sie nicht sofort sichtbar werden. Sie wirken im Geheimen. Meist bekommt ihr Umfeld es erst später anhand von Löchern und Wunden mit. Empfohlen wird, sich rasch außer Reichweite zu bringen, denn es trocknet oder heilt nur sehr langsam. Hoch ansteckend scheint das Virus ebenfalls zu sein, trifft dennoch nicht jeden. Manche haben tatsächlich von Natur aus Abwehrstoffe, genannt Denken und Vorstellungskraft, so dass ihnen dieses Virus nichts anhaben kann.

Sarkasmus ja, Spaß nein , so lustig ist das nämlich alles nicht und bereits zur Seuche mutiert. Oder zur Sucht? Scheint ja ein angenehmes Gefühl zu sein, sich „mehr wert“ zu wähnen. Vor allem, weil einem ein falsches Leitbild vorgegaukelt wurde.
Auf was könnte man stolz sein, was ist nachahmens-oder erstrebenswert? Na dann schauen Sie mal fern oder lesen eine Zeitschrift. Was sind die Helden und Größten von heute, wer ist der Beste und wer bekommt den meisten Lohn? In Form von Anerkennung oder Geldwert? Und das geht alles schon im Kinderzimmer los.
Ein denkender Mensch weiß, was da dran nicht richtig ist, was schlicht erfunden und Lüge.
Klug war allerdings gestern. Heute ist man stattdessen „gut“, allerdings nur zu den Falschen. Bringt Dummheit so mit sich und schließlich kennt man sich oftmals doch auch noch selber. Und so gibt es das Verständnis für den Täter, nicht aber für dessen Opfer. Wiedererkennung im Täter plus pure Angst, vielleicht auch mal auf der anderen Seite zu stehen, als wirkliches Opfer, und dass dann „die anderen“ mit ihnen machen, was sie selber tun: sie verabscheuen, auf sie herabschauen, verurteilen, ausgrenzen.
Und das hockt sogar im Gerichtssaal oder macht die Gesetze, wissend, dass sie keinen Deut besser sind, aber gemeinhin als besser gelten möchten. Ohne sich zu bemühen natürlich. Mensch ist faul. Und das Opfer damit ein Versager.
„Ene, mene muh, raus bist du...“ Ätsch.
Ein schlimmes Virus. Es macht Menschen so dämlich.
Der Versager. Wer ist das, was keiner von ihnen sein möchte? Jemand, der seine Kinder alleine großziehen muss. "Warum ist er auch alleine. Muss er doch was falsch machen, sonst ist's man doch nicht. Sieht man an mir oder xyz."  Dämlich, aber die vielfache Meinung.
Jeder der arbeitslos ist. Für den gilt dasselbe, genau wie für den, der seine Existenz verlor, egal aus welchem Grund. Oder jene, die bei über 30 Grad draußen schuften bzw. im Dreck. Ließe sich fortsetzen. Falls sie drüber klagen. Wenn nicht, muss ihnen genau das Spaß machen.
Dummheit, das Virus eben, ihr Gehirn flachgelegt und damit macht es auch keinen Sinn, ihnen „was erklären zu wollen.“
Die Menschen machen einen entscheidenden Fehler: Sie gehen bei den anderen stets von dem Intellekt aus, den sie selber besitzen und die Dummen meinen, sie hätten einen hohen. Wenn sie anderer Ansicht wären, wären sie nicht mehr dumm.

Noch vor gar nicht so fernen Jahren galt als Leistung, wenn einer selbständig mit dem Leben klarkam und das am Ende noch recht gut, also fleißig gewesen ist und „sauber blieb“, denn das versprach in diesem Leben den meisten Erfolg. Heute gilt das Gleiche als „doof“, weil es nicht mehr von solchem gekrönt ist. Heute gilt daher als Leistung, aus dem Vollen zu schöpfen, zu nutzen, was andere..., andere deswegen auch machen zu lassen...
Waren die Menschen damals klüger? An sich schon, denn sie wussten so manches, was heute keiner mehr weiß. Dass ein Sturm zum Beispiel Dächer abdecken kann. Also haben sie so gebaut... Oder danach nicht nur geflennt, sondern es das nächste Mal noch besser gerichtet. Sie wussten, dass ein Fluss oder Bach über die Ufer treten kann. Also haben sie... genau. Und wenn es nicht zu verhindern war, siehe oben. Sie wussten, dass das Wetter wie Glück und Zufall so launisch sind wie eine Diva und es immer auch mal anders kommen kann. Dass es also nie jemandem ausschließlich gut geht. Deswegen kamen sie damit auch ganz anders klar. Sie wussten, dass der, den sie abfällig behandeln, ihnen morgen nicht mehr zur Hand gehen wird und dass man komischerweise genau die immer mal braucht. Also haben sie nicht.

Die allgemeinsten Lebensregeln sind außer Mode gekommen. Der menschliche Polsprung. Das kann doch nur an einem Virus liegen, oder an was sonst? Werteverlust ist da als Ausdruck zu harmlos. Ein Virus, aber ein weit gefährlicherer als man annimmt, denn Wahnvorstellungen haben an sich, dass sie nicht der Wirklichkeit entsprechen und die holt jeden irgendwann ein.
Irrtümlicher Glaube hat an sich, dass ich mich rasch überschätze, die Lage falsch beurteile, leichtsinnig werde. Also auf einen hohen Baum klettere, obwohl ich es vorher noch nicht mal bei einem kleineren versuchte. Kann klappen, aber wahrscheinlicher ist, ich falle bereits auf dem Weg nach oben herunter. Ich überschätze mich und unterschätze die Höhe des Baums, Kraft plus Geschick, die man dazu benötigt, um an seine Spitze zu kommen.
Der Hochmut, der vor dem Fall kommt und das auch noch immer.


Unsere Generation hat noch das Leben selbst eingekürzt und das zeitiger. Wir wurden noch mehr uns selbst überlassen und haben schon in der Kindheit Erfahrungen sammeln dürfen. Heute wird jedem signalisiert, dass alles möglich ist. Er braucht nur... die neuen „Werte“. Und Erfolg, das ist Macht, „Ansehen“ und Geld. Absicht, denn nur so vermehren deren Geld, deren Macht. Wessen weiß jeder.
Eingeblasene Größe, die nicht vorhanden ist. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche, Alte meist nicht so. „Du bist was Besonderes. Du hast das Beste verdient, das größte Fest, das teuerste Geschenk. Denn du bist mein Kind.“ Und dem vertrauen sie dann, darauf bauen sie. Es wird also von virustragenden Eltern schon zu Beginn des Lebens übertragen. Und dann verzweifeln sie, wenn es nicht so ist oder andere es anders sehen. Diese Leute gab es übrigens schon immer, aber noch nie waren sie so gewollt, so „erfolgreich“. Bis der Tag kommt, wo sie sich zeigen müssen...

„Ich und du, und Müllers Kuh, Müllers Esel, der bist du."

 












Hildruth Sommer
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