Gedankenbilder.
„Wer nie sein Brot mit Tränen aß...“
Goethe, „Wilhelm Meisters Lehrjahre“.
Raushalten geht nicht. Der Mensch muß schon Farbe bekennen,
Stellung beziehen. Ein bißchen schwanger geht schließlich auch
nicht. Ich hab mir darum in der Vergangenheit öfter mal die Gusche
verbrannt. Der Grundsatz zu der Zeit war richtig, die Ausführung
fehlerbehaftet. Später, nach '90, war beides Mist. Allerdings
absehbar gewesen.
Dafür oder dagegen? Das ist die Frage. Die Zeit ist nämlich
ebenfalls mal wieder groß, so groß ist sie.
„Sie wächst zu rasch. Es wird ihr schlecht
bekommen. (…) Der Optimistfink schlägt im Blätterwald. Die
guten Leute, die ihm Futter gaben, sind glücklich, daß sie
einen Vogel haben. Der Zukunft werden sacht die Füße kalt.“
(Erich Kästner)
Und wie der neue Dreck einher kommt, war auch schon lange klar. Es
war aber auch klar,
daß es kommt und
was wird,
wenn Kapitalismus herrscht. Deswegen hat uns ja damals auch keiner
gefragt, ob wir „Westen werden wollen“. Er kam auf seine Weise
durchs Hintertürchen. Das hatte man allerdings auch sperrangelweit
offen gelassen. Und davor schon drin gewesen waren ebenfalls
einige.
Es hat nun mal Leute, Menschen kann man die oft nicht nennen, denn
da ist kein Leben drin, die lieben das Tote. Beton statt Grün,
Natur, Gras, Büsche. Geld in jeder Form. Handy-Displays statt
Umgebung. „Clean“ statt normal. KI statt Denken. Und Zerstören tun
solche Leute mit Wonne.
Erich Fromm nannte es Nekrophilie. Der Hang zum Leblosen, denn das
ist „berechenbar“. Lebendiges nicht so. Fernseher an oder
Fernseher aus, das bestimme ich - per Knopfdruck. Und sie, diese
Lebensfeindlichen, wollen alles bestimmen, eben auch, was bzw. wer
leben darf und wer oder was nicht. Und komisch, es taucht immer
dann auf, wenn es demjenigen gut geht. Zu gut allerdings. Denn
dann will er nicht nur besitzen, wenn's geht mehr und noch mehr,
sondern behalten. Nicht als Bitte – als Forderung! Immerhin, ihm
steht zu. Denkt er, meint er. Begründen wieso, kann ers allerdings
nicht. „Ist so und basta! Halt die Klappe und schweige!“ Netter
ausgedrückt, logisch. Sonst fällts ja auf, was sie wirklich
wollen, von sich und anderen in Wirklichkeit halten: Von sich
viel, von anderen nichts.
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Bild: alamy.com
Solche Leute schreiben sich selber nämlich einen Wert oder
Wichtigkeit zu, sagenhaft! Und das trotz Realität. Auch eine Form
„Leistung“. So von sich überzeugt zu sein, obwohl wenig oder
nichts vorhanden, weder Können, Leistung, noch Charakter, das muß
man erst mal schaffen. Intellektuelle wie moralische Mistkrücken,
aber Hauptsache Macht. Denn die brauchen solche ja auch, sonst
verschwinden sie sang- und klanglos im Nirwana und kein Hahn kräht
nach ihnen. Bedeutungslos. Eine Küchenhilfe wäre dann auch nicht
mal noch Küchenhilfe, weil sie nicht mal dazu was taugt, nur mal
als Beispiel.
Angst vor Verlust, logisch, und was für welche. Also bestimmen.
Sie und nur sie. Und Leben ist schließlich nicht
kontrollierbar, nichts darin sicher. Sicher ist nur der Tod. Und
so verabscheuen, hassen jene alles, was lebendig ist bzw. auch nur
am Rand mit Leben zu tun hat, bestrebt, es zu zerstören.

Sie selber sind tot, merkens nur nicht. Zu faul, den Deckel zu
schließen. In ihnen selbst ist kein Funken Leben. Null Interesse,
null Leidenschaft, für nichts und niemand... anderen, denn für
sich haben sie die durchaus. Ihre Existenz in genau dieser Form,
was anderes zählt nicht, ausschließlich sie und ihres. Mit Haß auf
alles Lebendige, weil sie leer sind, tot, ihr Leben ihnen durch
die Finger gleitet, wie es Erich Fromm in seinem Buch über die
menschliche Destruktivität ausgedrückt hat. Spaß ja, aber nur der
von außen, ohne eigenes Zutun.
Mangelnde Wertschätzung bis zur Vernachlässigung dessen, was sie
(bereits) haben, natürlich auch, wem sie's verdanken, und das eben
gerade dann, wenn's ihnen gut geht und es nicht auf ihrem Mist
gewachsen ist. Darum „tue nichts Gutes, dann widerfährt dir nichts
Böses.“ Denn bloße Undankbarkeit ist das meistens nicht, sondern
egozentrisch und boshaft, dumm sowieso. Sie erwarten nämlich, daß
es immer so weitergeht, „weils ihnen immerhin zusteht“. Erwarten
als bissiger Anspruch. Solchen Leuten darfs einfach nicht gut
gehen, sonst heben sie ab und drehen durch. Entweder ständig am
Meckern, Wehklagen, Jammern und gehen damit Unbeteiligten auf den
Senkel. Oder der bösartige Wüterich namens Friederich aus Heinrich
Hoffmanns Feder ist gegen sie ein Engel.
Das böse Ding namens Leben, gemeinhin auch als Realität
bezeichnet, ist aber auch ein Ding. Hält sich einfach nicht an
das, was sie grad wollen, so eine Gemeinheit! Da kommen dann
Sachen... Sachen! Im Winter Frost und Schnee, obwohl sie... Oder
Regen, und das, wenn sie grad Urlaub machen. Oder, oder... Es hat
vieles, was ihnen quer im Hals hängt - und Sarkasmus nun aus.
Plötzlich ist's nix mehr mit "zwei mal drei macht vier,
widewidewitt und drei macht neune..." Es wäre wohl besser gewesen,
man hätte ihnen als Kinder die Märchen der Gebrüder Grimm oder von
H.C. Andersen vorgelesen. Unter anderem das von der Goldenen Gans
oder „Des Kaisers neue Kleider“. Obwohl, manche kennen sie und
trotzdem.
Verwöhnte, verblödete, infantile, nichtsnutzige Arschgeigen,
nichts weiter.
Die in den abgelegenen, harten Weiten Sibiriens lebenden Leute
sind zufriedener, ausgeglichener, umgänglicher, sozialer als jene,
die (eben weit bequemer) in den großen, neumodischen und reichen
Städten sogar ihres eigenen Landes wohnen, ist festgestellt
worden. Das Leben dort in und mit der Natur
fordert ja
auch, körperlich, geistig, mental. Das Leben, die Natur
selber.
Ist voller „Unberechenbarkeit“, auf die sich der Mensch dann aber
einstellt. Er lernt. Bleibt ihm dort ja auch nichts weiter übrig.
Macht nach dem Bewältigen so aber auch auf sich stolz. Und klüger.
Lehrt auch, so manche Dinge des Lebens, sonst wenig beachtet, zu
schätzen.
Keine Ego- und Selbstwertprobleme, kein Abheben, denn Grenzen
erlebt und erkennt der Mensch dort genauso. Die des Lebens an
sich, der Natur wie eigene. Respekt und Demut. Erkennt was er
kann, aber auch, was er nicht kann und sich noch aneignen muß,
denn leicht ist dort eben gar nichts, so wie in der Natur (im
Leben) allgemein.
Und wenn er es muß, um zu überleben, tut er. So lange da niemanden
ist, der an seiner Stelle... sprih „gut zu ihm ist“.
„Der Mensch ist gut. Da gibt es nichts
zu lachen! In Lesebüchern schmeckt das wie Kompott. (…) „Der
Mensch ist gut. Drum haut ihm in die Fresse!“
(Erich Kästner)
Ich bin heilfroh, in der DDR und auf dem Land als Kind von Bauern
aufgewachsen zu sein. Viel körperliche Arbeit war Bedingung, bis
überhaupt was auf dem Tisch stand oder die Stube warm gewesen ist.
Aus dem Grund wurde auch jede Hand gebraucht. Gemeinsam
wirtschaften, gemeinsam leben. Ging freilich nicht ohne
Auseinandersetzung, logisch, normal. Abends war man dann froh, die
Beine hochlegen zu können, falls möglich. Im Winter, weils keine
Feld- und Gartenarbeit gab, saß man auch mal mit Nachbarn
zusammen, spielte Karten, zum Beispiel, ließ es sich gutgehen.
Anstrengend, aber auch sinnvoll. Und solch reale, wirkliche Werte
erzeugende Tätigkeit, war daher auch noch viel wert, wurde
geschätzt und geachtet, genau wie Anstand, Wissen, Erfahrung,
Charakter. Wichtig damals: Nahrung, Kleidung, Wohnen, Gesundheit,
Bildung, Familie, Sicherheit.
Langeweile? Den Begriff kannten wir nicht. Viel zu tun und als
Kinder eine Menge Abwechslung. Draußen. Soziales Verhalten war
Hilfe, wenn einer
objektiv nicht oder nicht mehr konnte,
unverschuldet, trotz Mühen.
In der Stadt war das schon anders, auch zu der Zeit.
Der Mensch paßt sich an, wenn er es muß, um zu überleben. Er
handelt, lernt, denkt, ist tätig, wenn er dazu gezwungen ist. Das,
was den Menschen vor langer Zeit sogar mal erfolgreich werden
ließ. Ist er es nicht, wird er schlaff, faul und verblödet. Auf
diese Weise schafft er sich ab.
Sie jammern zwar, aber es geht ihnen gut, hervorragend, blendend.
Es ist nur eins auf - bei den meisten – sehr hohem Niveau.
Kapiert haben sie daher noch gar nichts.
So ab Ende der Neunziger hatten wir älteren Juristen uns zum
Beispiel an den Kopf gegriffen, als es bei strafrechtlichen
Delikten plötzlich beim Strafmaß nicht mehr darum ging, was einer
getan und verursacht hatte, sondern ob der, der
Täter (man
beachte!) „eine schwere Kindheit hatte“, im Weiteren „seine
Sozialprognose“. Da brauchte sich also ein cleveres Arschloch bloß
hinzustellen und scheinheilig verlogen zu lamentieren, „wie schwer
ers doch hatte“ und von „tut mir sooo leid“ zu faseln oder „mach
ich nie wieder“ und zack, schon war die Sache gelaufen.
Für ihn, fürs Opfer nicht! Für die daraufhin Folgenden dann auch
nicht.
Aber nach denen krähte eh keiner, uninteressant. Da hieß es: „Sieh
zu, wie du klarkommst.“ Und daß andere, die ebenfalls keine
leichte Kindheit hatten, nicht kriminell geworden sind, spielte
auch keine Rolle.
„Das könnte man ja auch selbst sein“, sagte damals eine
Staatsanwältin (!) zu mir „vertraulich“, meinte damit aber nicht
den jungen Mann, der durch grobe Fahrlässigkeit sein Leben auf
schlimme Weise verloren hatte, auch nicht die trauernden
Angehörigen, sondern den Täter, und ließ daher bei ihrem
Strafantrag „Milde walten“. Schloß also die gleiche Tat für sich
selber nicht aus. Und so war ein Menschenleben am Ende gerade mal
viertausend Euro wert. Aber die Besetzung solcher Posten läßt seit
langem ja schon maßlos zu wünschen übrig.
„Der Mensch ist gut. Drum haut ihm in die Fresse!“ (Erich
Kästner)
Es ist lange her, war eben noch in der DDR, da hatten wir als
Betrieb dann doch mal
nicht mehr für einen noch
Jugendlichen „gebürgt“, weil der ständig neue Straftaten beging,
nicht zu große, trotzdem, und auch uns im Betrieb so immer wieder
Scherereien machte. Große Gusche, „Knast ist doch nicht schlimm“.
So seine Gedanken. Sogar direkt geäußert. Wie Freiheitsentzug ist,
wusste er noch nicht und ihm fehlte das entsprechende
Vorstellungsvermögen. Wie es „drin“ wirklich ist,
genau dafür
haben wir dann gesorgt, indem wir eben
nicht mehr bürgten
und so den Justizbehörden quasi „die Empfehlung gaben“, ihn genau
das mal wissen zu lassen. Nach seiner Entlassung war er in den
Jahren, die ich dort noch weilte, straffrei geblieben.
Ach ja, die Nachkommen... Wohlergehen nach aus eigener Kraft
überstandenem, nicht gar so Leichtem, macht zugewandt, freigiebig,
und genau das ist der Fehler. Mitgefühl - oder besser:
Vorausgefühl, und das an falscher Stelle. Gut gemeint und genau
damit schlecht getan. Denn das Ergebnis lautet, daß solchermaßen
Verhätschelte weniger sagen, als sie denken, weniger denken, als
sie könnten, weniger prüfen, als nötig wäre und nur zur Kenntnis
nehmen, anstatt sich zu positionieren. Frei nach Bernd Liske.
Gleichgültigkeit, Schwäche.
„Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.“ Auch wieder
Goethe.
Ist einer dann aber erwachsen, ist er für sich und seins
selber
verantwortlich und wer permanent nichts tut, nur machen läßt,
macht sich schuldig. Und nein, nicht die anderen.
Sie
waren und sind an der Reihe, die da mit dem großen Rand.
Der Winter ist nun vorbei, es wird Frühling. In diesem Jahr kommt
er kälter einher und gemächlicher als in den vergangenen Jahren.
Normal halt. Ich freu' mich, schon wieder, aber diesmal
nicht auf die bevorstehende Ruhe wie im Herbst, sondern aufs Tun
und das Erwachen des Lebens. Mit freilich viel Arbeit bei dem
großen Grundstück und Garten, logisch. Dafür kann ich
allerdings... Tja, so ist das.
Bis bald.
See you soon
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